Inklusion: „Betroffene müssen die Fachleute sein, an deren Vorstellung wir uns orientieren“

Fachtag des LIGA Projekts „Wie macht man Teilhabe? – Inklusion durch Umbau der Angebote gemeinsam verwirklichen“

 

LIGA Vorsitzender Christoph Stolte

Eine Haltungsänderung, nicht nur Gesetzes- und Strukturänderungen, sind nötig, um den Weg in eine echte inklusive Gesellschaft zu ebnen. Das hat Oberkirchenrat Christoph Stolte, Vorsitzender der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege, bei einem Fachtag der LIGA unter dem Motto „Wie macht man Teilhabe?“ gefordert. Diese Haltungsänderung gegenüber Menschen mit Handicaps ist für ihn zwingende Voraussetzung, damit die Gesellschaft den Betroffenen auf Augenhöhe begegnet und ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. „Betroffene müssen in diesem Prozess die Fachleute sein, an deren Vorstellungen wir uns orientieren müssen“, so Stolte. Das gelte für die Einrichtungen, die  Träger, die Entscheider in der Politik und für die Gesellschaft als Ganzes.

 

 

Seit Juli 2017 begleitet und unterstützt ein von der Aktion Mensch Stiftung gefördertes Projekt der LIGA drei Träger der Behindertenhilfe in Thüringen dabei, die Bereiche ihres bisher stationären Wohnens schrittweise in ambulante, noch stärker in personenzentrierte Angebote zu entwickeln. Diese Träger sind der Bodelschwingh-Hof in Mechterstädt, das Lebenshilfe-Werk Weimar/Apolda und der CJD Erfurt.  „Wir lernen auf dem Weg“, so Stolte, der den Modellprojekten den notwendigen Weitblick attestierte, sich schon früh den neuen Herausforderungen zu stellen, die durch das Bundesteilhabegesetz (BTHG) auch in gesetzliche Formen gegossen wurden.

 

 

Bei verschiedenen Fachtagen, bei denen die Betroffenen selbst die Themen festlegten, wurde klar, wo die Menschen mit Behinderung der Schuh drückt: Beispielsweise, wenn es darum geht, eine eigene Wohnung zu finden. Dabei stoßen sie immer wieder auf Vorbehalte, so dass soziale Träger oft als Mieter auftreten müssen. Oder beim Thema Teilhabe: Hier erwarten sie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Förderung und Selbsterfahrung, wie Hagen Mittelstädt, der das Projekt leitet, sagte. Lobende Worte fand  Friedhelm Peiffer, von der Aktion Mensch Stiftung. „Wenn wir die Betroffenen, die Angehörigen und die Mitarbeitenden in diesem Prozess hin auf ein selbstbestimmtes Leben, mitnehmen wollen, dann müssen wir an kleinen Beispielen zeigen, wie es gut funktionieren kann.“ Deshalb sei das Projekt der LIGA für die Aktion Mensch Stiftung auch so wichtig bei dem notwendigen gesellschaftlichen Umdenken.

 

Christina Reinhardt vom Bodelschwingh-Hof in Mechterstädt machte deutlich, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit Inklusion durch einen Umbau der Angebote gemeinsam verwirklicht werden könne: Es werde für das neue Modell der ambulanten Betreuung Wohnraum benötigt, der angemessen, bezahlbar und den jeweiligen Fähigkeiten der Bewohner entsprechend ausgestaltet sei. Dafür sei ein Netzwerk im Sozialraum zu knüpfen. „Und hier stellt sich die Frage, inwiefern der Sozialraum schon bereit ist für unser Vorhaben.“ Die Infrastruktur sei wichtig, Mobilität müsse gewährleistet sein. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für sie die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeitenden. „Sie müssen dafür geschult werden, dass sie in den Wohnungen der Menschen mit Behinderung nur Gäste sind.“ Und letztlich: „Strukturveränderungen kosten Geld. Teilhabe geht nicht zum Nulltarif.“ Für all diese notwendigen Veränderungsprozesse benötige man Zeit. „In der Kommunikation müssen wir deshalb auch auf Entschleunigung setzen“, so Reinhardt.

 

Christina Reinhardt vom Bodelschwingh-Hof Mechterstädt

 

Von den Behörden wünschen sich die Betroffenen mehr Unterstützung bei diesem Prozess – sowohl bei den Finanzen wie auch bei den notwendigen Umbauten bisheriger Einrichtungen, damit sie den neuen Anforderungen gerecht werden. Die entsprechenden Genehmigungen ließen oft lange auf sich warten, so dass auch schon durchgeplante Projekte ins Wanken gerieten.

 

 

Das Ziel des gesamten Prozesses, der jetzt auf den Weg gebracht wurde, ist klar: „Alle Menschen haben das Recht, so zu leben wie sie wollen“, so Andreas Oechsner vom österreichischen Zentrum für Kompetenzen, einer Einrichtung, in der Menschen mit Behinderungen beraten und begleitet werden. „Das Ganze ist eine Haltungsfrage. Wenn alle ihre Haltung ändern, wenn sie das Grundprinzip des selbstbestimmten Lebens akzeptieren, dann erreichen wir unser Ziel auch ohne einen Plan“, gab er sich optimistisch. Der stürmische Beifall, den er erntete, zeigte, dass er den Nerv der Besucher der Fachtagung getroffen hatte.

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